Am ersten Abend meines Camino sagte mir eine niederländische Pilgerin, der wahre Grund für meinen Weg werde sich mir erst unterwegs offenbaren.

Ich fand den Gedanken faszinierend.

Und ziemlich esoterisch.

Vierzehn Tage später lief ich durch die endlosen Getreidefelder der Meseta und begriff plötzlich, dass Monique recht gehabt hatte.

Eine Prophezeiung am ersten Abend

Ich war noch keinen einzigen Kilometer auf dem Camino Francés gegangen, als ich Monique kennenlernte.

Wir saßen auf den Stufen vor unserer Herberge in Saint-Jean-Pied-de-Port, tranken ein Glas Rotwein und rauchten eine Zigarette. Am nächsten Morgen sollte meine erste Etappe über die Pyrenäen beginnen. Vor mir lagen rund achthundert Kilometer bis Santiago de Compostela – und in meinem Kopf mindestens ebenso viele Fragen.

Würde ich körperlich durchhalten? War es richtig, meine Frau und meine beiden Söhne für fünf Wochen zu Hause zu lassen? Was wollte ich beruflich eigentlich noch erreichen? Und warum musste ich dafür ausgerechnet achthundert Kilometer durch Nordspanien laufen?

Monique war bereits zum zweiten Mal auf dem Jakobsweg unterwegs. Sie erzählte mir, man könne den Camino in drei Abschnitte unterteilen: Geburt, Tod und Wiedergeburt.

Am Anfang trete man gewissermaßen in ein neues Leben ein. Man müsse sich an die Gemeinschaft, die täglichen Abläufe, das Gehen und die Last des Rucksacks gewöhnen. Später komme der Tod – natürlich nur im übertragenen Sinne. Ein Teil des bisherigen Ichs könne unterwegs sterben. Überzeugungen, Beziehungen und scheinbar unumstößliche Wahrheiten gerieten ins Wanken.

Und wer schließlich Santiago erreiche, komme dort als ein anderer Mensch an.

Dann sagte sie jenen Satz, der mich von diesem Abend an begleiten sollte:

„Unabhängig davon, warum du glaubst, hier zu sein – der wahre Grund für deinen Weg wird sich dir erst unterwegs zeigen.“

Ich muss sie ziemlich ungläubig angesehen haben.

„Denk nicht so viel nach“, sagte Monique. „Genieße die Reise und sei offen für alles. Dann wirst du schon sehen.“

Das klang geheimnisvoll, tiefgründig und auch ein wenig nach einer Weisheit, die man auf eine Postkarte drucken könnte.

So war ich eigentlich nicht.

Ich wollte gehen, Abstand gewinnen und vielleicht die eine oder andere Antwort finden. Aber ich erwartete nicht, dass der Camino mir irgendwann seine große Botschaft zuflüstern würde.

Unter einem Dach aus Sternen

Am 31. Mai 2014 verließen Anika, Sebastian und ich unsere Herberge in Villamentero kurz nach halb fünf am Morgen.

Als ich vor die Tür trat und nach oben blickte, blieb ich für einen Moment stehen.

Über uns spannte sich ein überwältigender Sternenhimmel. Weit entfernt von den Lichtern größerer Städte wirkten die Sterne wie ein funkelndes Dach. Selbst die Milchstraße war deutlich zu erkennen.

Santiago de Compostela wird sinngemäß häufig mit dem „Sternenfeld“ in Verbindung gebracht. In diesem Augenblick verstand ich zumindest, wie Menschen auf diese Vorstellung gekommen sein konnten.

Wir schalteten unsere Stirnlampen ein und gingen los.

Es war empfindlich kalt, vermutlich weniger als fünf Grad. Deshalb liefen wir zügig und erreichten nach knapp zwei Stunden und etwa zwölf Kilometern Carrión de los Condes. Leicht durchgefroren steuerten wir die erste geöffnete Bar an.

Das Frühstück fiel entsprechend üppig aus. Dazu gab es einen heißen Café con leche, der an diesem Morgen beinahe medizinische Wirkung entfaltete.

Während ich aus dem Fenster blickte, entdeckte ich plötzlich Aude. Sie hatte in Carrión übernachtet und war gerade dabei, ihre heutige Etappe zu beginnen. Seit unserer Begegnung in Burgos hatten wir regelmäßig Kontakt gehalten, uns auf dem Weg aber wieder getrennt.

Ohne nachzudenken, sprang ich auf und stürmte hinaus. Ich fuchtelte wild mit den Armen und rief ihren Namen, bis sie mich bemerkte. Dann eilte auch sie auf mich zu.

Unsere Umarmung wirkte vermutlich, als hätten sich zwei alte Freunde nach Jahren wiedergefunden. Tatsächlich waren seit unserem ersten gemeinsamen Tag in Burgos gerade einmal wenige Tage vergangen.

Auf dem Camino gelten offenbar andere Zeitrechnungen.

Obwohl Anika, Sebastian und ich bereits zwölf Kilometer hinter uns hatten und Aude an diesem Tag weiterlaufen wollte als wir, überlegten wir kurz, wann wir uns erneut treffen könnten. Vielleicht in León. Vielleicht auch irgendwo davor.

Wir wussten es nicht.

Wir vertrauten darauf, dass der Camino, das Universum oder eine Mischung aus beidem das schon irgendwie regeln würde.

Dann verabschiedete sich Aude und ging mit ihren beiden Begleitern weiter.

Etwa eine halbe Stunde später brachen auch wir wieder auf.

Siebzehn Kilometer geradeaus

Vor uns lag ein rund siebzehn Kilometer langer Abschnitt bis Calzadilla de la Cueza.

Ein weiter Pilgerweg zwischen Feldern in der Meseta.

Keine Ortschaft. Keine Bar. Kaum Schatten. Und vor allem: sehr viel geradeaus.

Mein Reiseführer beschrieb diesen Abschnitt als einen der anstrengendsten des Camino. Nicht wegen großer Höhenunterschiede oder schwieriger Wege, sondern wegen seiner Monotonie. Bei mehr als 35 Grad musste diese Strecke erbarmungslos sein.

Wir hatten Glück. Es war sonnig, aber noch immer kühl.

Vor mir erstreckte sich ein breiter Weg, bedeckt mit groben Kieselsteinen. Links und rechts lagen grüne Getreidefelder, die bis zum Horizont zu reichen schienen. Es gab kaum etwas, das meinen Blick festhielt.

Ein gerader Weg zwischen Bäumen in der Meseta.

Also begann ich, auf das Geräusch meiner Schritte zu hören.

Knirschen. Schritt. Knirschen. Schritt.

Wie lange ich mich nur darauf konzentrierte, weiß ich nicht mehr. Vielleicht zehn Minuten. Vielleicht eine halbe Stunde.

Irgendwann trat die Landschaft in den Hintergrund.

Und die Erinnerungen kamen.

Alles, was zu meinem Weg gehörte

Ich dachte an meine Eltern.

Mein Vater starb, als ich siebzehn Jahre alt war. Meine Mutter folgte ihm sieben Jahre später. Innerhalb weniger Schritte war die Trauer darüber wieder da – nicht wie eine alte Geschichte, sondern plötzlich ganz nah.

Dann dachte ich an die Geburt meiner Söhne. An diese kaum zu beschreibende Mischung aus Freude, Ehrfurcht und dem Gefühl, dass sich das eigene Leben mit einem einzigen Augenblick für immer verändert.

Andere Bilder tauchten auf.

Die Zeit mit meiner Band Buchstabensuppe. Unsere Anfänge vor einer Handvoll Freunden. Die späteren Konzerte, bei denen Hunderte Menschen unsere Texte mitsangen. Der erste Plattenvertrag, den wir in einem luxuriösen Hotelzimmer unterschrieben hatten. Dieses kurze, herrlich unvernünftige Gefühl, gemeinsam unbesiegbar zu sein.

Menschen erschienen vor meinem inneren Auge.

Freunde, Weggefährten, meine Familie. Menschen, die mich unterstützt, inspiriert und aufgefangen hatten. Menschen, mit denen ich gelacht hatte. Menschen, die geblieben waren – und solche, deren Weg sich irgendwann von meinem getrennt hatte.

Aber auch Verletzungen und Enttäuschungen kamen zurück. Fehler, die ich gemacht hatte. Situationen, in denen mir andere wehgetan hatten. Dinge, die ich lange nicht verstanden hatte.

Die Erinnerungen folgten keiner erkennbaren Ordnung. Sie waren einfach da, ausgelöst durch das gleichmäßige Gehen, das Knirschen der Steine und diese Landschaft, die äußerlich fast nichts bot und gerade dadurch im Inneren so viel freilegte.

Dann kamen mir die Zeilen eines Liedes in den Sinn, das ich selbst geschrieben hatte. Es hieß „Schicksal“.

„Also mache ich mich auf, um die Antwort darauf zu erkunden, und genau auf diesem Weg heilen alle meine Wunden. Und die Begegnungen des Schicksals, die ich hier und da find’, sie weisen mir den Weg zu einer großen Erkenntnis.“

Ich hatte diese Worte lange vor meinem Camino geschrieben.

Nun lief ich tatsächlich auf einem Weg, suchte nach Antworten und begegnete Menschen, die innerhalb kürzester Zeit wichtig für mich geworden waren.

Manche eigenen Texte versteht man offenbar erst Jahre später.

„Alles in Ordnung?“

Für einen Moment blieb ich stehen.

Ein Pilgerpaar, das an mir vorbeiging, bemerkte meine Verfassung.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Ich brachte keine richtige Antwort hervor und nickte nur.

Diese kleine Nachfrage traf mich mitten in einer ohnehin offenen Stelle.

Zwei Menschen, die mich nicht kannten, hielten kurz inne, weil sie wissen wollten, ob ich Hilfe benötigte. Eigentlich war es nur eine einfache Geste. Auf dem Camino erlebte ich solche Momente ständig.

Und plötzlich verband sich diese eine Frage mit all den Begegnungen der vergangenen zwei Wochen. Mit Monique auf den Stufen in Saint-Jean-Pied-de-Port. Mit Seba und Anika auf der ersten Etappe. Mit Jürgen auf dem Weg über die Pyrenäen. Mit den Amerikanern in Grañón, die mich an meinem Tiefpunkt wieder aufgebaut hatten. Mit Mike, der mich ermutigt hatte, nicht aufzugeben. Mit Aude, die nach zwei ausgelassenen Etappen ausgerechnet vor einer Herberge in Burgos aufgetaucht war. Mit allen Menschen, die mich in meinem bisherigen Leben begleitet hatten.

Etwas löste sich in mir.

Eine Welle der Dankbarkeit erfasste mich mit solcher Wucht, dass mir die Tränen kamen. Zunächst versuchte ich noch, sie zurückzuhalten. Dann ließ ich es einfach geschehen.

Ich weinte nicht nur aus Traurigkeit.

Ich weinte auch nicht nur vor Glück.

Es war beides – und gleichzeitig noch viel mehr.

Ich empfand eine beinahe grenzenlose Dankbarkeit für die Menschen in meinem Leben. Für ihre Freundschaft, ihre Liebe, ihre Geduld und ihren Beistand. Für gemeinsames Lachen, geteilte Erfolge und für jene Momente, in denen jemand da gewesen war, ohne zu wissen, wie dringend ich ihn gerade gebraucht hatte.

Ich war dankbar für meine Söhne. Für die Jahre mit meinen Eltern, auch wenn es viel zu wenige gewesen waren. Für die Musik. Für meine Freunde. Für alle Aufbrüche und für manches Ende.

Und sogar die schwierigen Erfahrungen gehörten in diesem Moment dazu. Nicht, weil Schmerz automatisch etwas Gutes wäre. Nicht, weil jeder Verlust einen verborgenen Sinn haben müsste. Sondern weil auch diese Erfahrungen ein Teil meines Lebens und damit ein Teil von mir geworden waren.

Ich konnte sie nicht ungeschehen machen.

Aber ich konnte entscheiden, wie ich mit ihnen weiterging.

Monique hatte recht

Da erinnerte ich mich wieder an den ersten Abend in Saint-Jean-Pied-de-Port. An das Glas Rotwein. An die Zigarette auf den Stufen. An Moniques Satz:

„Der wahre Grund für deinen Weg wird sich dir erst während der Reise zeigen.“

Nun wusste ich, was sie gemeint hatte.

Ich hatte den Camino nicht begonnen, weil ich bewusst nach Dankbarkeit suchte. Diese Antwort hatte auf keiner meiner inneren Fragelisten gestanden.

Und dennoch war sie plötzlich da. Klar und unübersehbar.

Ich war hier, um zu erkennen, wie reich mein Leben an Menschen, Erfahrungen und Begegnungen war.

Ich war hier, um nicht nur auf das zu sehen, was fehlte, was schwierig war oder was noch ungelöst vor mir lag.

Ich war hier aus Dankbarkeit.

Monique hatte recht behalten.

Die Antwort war unterwegs gekommen.

Nicht auf dem Gipfel eines Berges. Nicht in einer Kirche. Nicht vor dem Grab des Apostels in Santiago.

Sie kam auf einem scheinbar endlosen, schnurgeraden Weg durch die Getreidefelder der Meseta.

Vielleicht hatte es gerade diese Leere gebraucht, damit ich sie hören konnte.

„Warum bist du hier?“

Am Ende des Tages standen 38 Kilometer auf meinem inneren Tacho. Hätte mir bei meiner ersten Etappe jemand gesagt, dass ich zwei Wochen später eine solche Distanz bewältigen würde, hätte ich ihn vermutlich für verrückt erklärt.

Am Abend saßen wir mit anderen Pilgern im Garten der Herberge. Die untergehende Sonne tauchte alles in warmes Licht.

Irgendwann sah mich Anika an.

„Was war heute eigentlich mit dir los?“

„Wie meinst du das?“

„Du sahst aus, als hättest du geweint. Gleichzeitig hast du unglaublich zufrieden gewirkt. Und während unserer Pause hast du kaum ein Wort gesagt.“

Ich suchte kurz nach den richtigen Worten.

Dann sagte ich:

„Ich habe heute begriffen, warum ich hier bin.“

Anika sah mich erwartungsvoll an.

„Und? Warum bist du hier?“

„Aus Dankbarkeit.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Dann meinte Sebastian, der Camino habe für jeden Menschen eine eigene Botschaft. Vielleicht sei das meine gewesen.

Ich nickte.

Es fühlte sich tatsächlich so an, als hätten mich alle bisherigen Kilometer zu diesem einen Moment geführt.

Die Fragen, die erst unterwegs entstehen

Ich war mit zahlreichen Fragen auf den Camino gegangen.

Einige davon nahm ich auch später wieder mit nach Hause. Der Weg beantwortete nicht alles. Er löste nicht jedes Problem und verwandelte mich nicht über Nacht in einen vollkommen neuen Menschen.

Aber er hatte mir eine Antwort gegeben, nach der ich gar nicht gesucht hatte.

Vielleicht liegt darin eine der besonderen Erfahrungen des Camino.

Wir brechen mit unseren Sorgen, Hoffnungen und sorgfältig formulierten Fragen auf. Wir glauben zu wissen, was wir klären möchten.

Dann beginnen wir zu gehen.

Tag für Tag wird das Leben einfacher. Aufstehen. Rucksack packen. Gehen. Essen. Einen Schlafplatz finden. Menschen begegnen. Weitergehen.

Und in dieser Einfachheit entsteht Raum.

Für Erinnerungen. Für Gefühle. Für Gedanken, die im Alltag keinen Platz finden.

Und manchmal auch für eine Frage, von der wir bis dahin nicht wussten, dass sie in uns lag.

Am ersten Abend hatte Monique mir gesagt, der wahre Grund für meinen Camino werde sich erst unterwegs offenbaren.

Vierzehn Tage später fand ich meine Antwort.

Nicht in Santiago. Nicht am Ende des Weges.

Sondern irgendwo zwischen zwei kleinen Orten in der Meseta, begleitet vom Knirschen meiner Schritte auf grobem Kies.

Ich war hier aus Dankbarkeit.

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