Es gibt Geschichten vom Camino, die lassen sich leicht erzählen. Geschichten von langen Etappen, schmerzenden Füßen, überraschenden Begegnungen und jener besonderen Gemeinschaft, die unterwegs zwischen Menschen entsteht.

Und dann gibt es Geschichten, die so unwahrscheinlich sind, dass sie erfunden klingen.

Diese hier ist tatsächlich passiert.

Grañón, 2014

Ihr Anfang liegt im Jahr 2014, auf meinem ersten Camino. Seit ungefähr einer Woche war ich damals auf dem Camino Francés unterwegs. Die Temperaturen waren viel niedriger, als ich erwartet hatte. Mein Körper schmerzte, meine Kraft ließ nach und die Sehnsucht nach meinen Kindern zu Hause wurde mit jedem Schritt größer.

Als ich Grañón erreichte, war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich ernsthaft darüber nachdachte, meine Reise abzubrechen. Ich wollte nicht mehr weitergehen. Ich wollte nach Hause.

In der Donativo-Herberge, die sich unmittelbar in der Kirche befindet, traf ich auf eine Gruppe amerikanischer Pilger. Einige von ihnen hatten sich erst unterwegs kennengelernt und waren auf dem Camino zu einer Gemeinschaft geworden. Zu dieser Gruppe gehörten auch die Geschwister Noah und Sarah.

Es wurde einer jener Abende, an denen der Camino plötzlich selbst die Regie zu übernehmen scheint.

Die Amerikaner bauten mich nach allen Regeln der Kunst wieder auf. Sie hörten mir zu, machten mir Mut und ließen keinen Zweifel daran, dass meine Reise an diesem Ort noch nicht zu Ende sein sollte. Im Garten der Herberge führte ich außerdem ein langes und sehr ehrliches Gespräch mit Mike, einem amerikanischen Hospitalero. Auch er trug seinen Teil dazu bei, dass ich meinen Entschluss änderte.

Ich blieb.

Und ich ging weiter.

Für einige Tage liefen wir noch gemeinsam. Doch die Amerikaner hatten deutlich mehr Zeit als ich und legten deshalb kürzere Etappen zurück. Irgendwann trennten sich unsere Wege. Bis Santiago sahen wir uns nicht wieder.

Immerhin gab es Facebook. So konnte ich in den folgenden Jahren hin und wieder verfolgen, was aus Sarah, Noah und den anderen geworden war. Doch wie es mit Begegnungen aus einer anderen Zeit häufig geschieht, wurde auch dieser Kontakt allmählich seltener. Der Alltag kehrte zurück. Andere Dinge rückten in den Vordergrund.

Fünf Jahre vergingen.

Am Ende der Welt

Im Jahr 2019 machte ich mich erneut auf den Weg. Dieses Mal sollte es von Santiago nach Finisterre gehen – hinaus bis ans Ende der Welt.

Für diese Reise hatte ich zwar nur eine Woche Zeit, dafür war ich mit Menschen unterwegs, die mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen waren: Birte, Ute, Andrea und Thomas. Den Weg nach Finisterre hatte ich nach meinen bisherigen Caminos bewusst nie angeschlossen. Ich hatte mir immer vorgenommen, diesen besonderen Abschnitt irgendwann mit besonderen Menschen zu gehen.

2019 war der richtige Zeitpunkt gekommen.

Wir ließen uns Zeit. Die Strecke, die andere in drei Tagen bewältigen, verteilten wir auf eine ganze Woche. Es waren großartige Tage mit großartigen Menschen. Doch wie jede Pilgerreise kam auch diese irgendwann an ihr Ziel.

Wir erreichten Finisterre, holten unsere Pilgerurkunden ab und machten uns anschließend auf den Weg zu unserer Herberge.

Der Herbergsvater führte uns in den ersten Stock. Um zu unserem Zimmer zu gelangen, mussten wir an einem weiteren Schlafraum vorbeigehen, in dem vielleicht zwölf oder sechzehn Betten standen. Während ich an der offenen Tür vorbeiging, nahm ich aus dem Augenwinkel eine Frau wahr. Sie stand mit dem Rücken zu mir.

Es waren nur wenige Sekunden.

Doch in meinem Kopf tauchte sofort ein Gedanke auf:

Diese Silhouette sieht aus wie Sarah.

Ich schob ihn im selben Moment wieder beiseite. Natürlich war das nicht Sarah. Warum sollte sie es sein? Sie lebte in den USA. Unsere letzte Begegnung lag fünf Jahre zurück. Von all den Herbergen, all den Wegen und all den Tagen auf dem Camino sollte sie ausgerechnet jetzt in diesem Raum in Finisterre stehen?

Unmöglich.

Wenige Augenblicke später stand ich bereits in unserem Zimmer und sah nach meinem Bett.

Da tippte mir jemand von hinten auf die Schulter.

Ich drehte mich um.

Vor mir stand Sarah.

Sie sagte zunächst kein Wort. Sie sah mich einfach nur an – mit weit aufgerissenen Augen und einem Grinsen über das ganze Gesicht. Für einen Moment konnten wir beide nicht begreifen, was da gerade geschah.

Dann fielen wir uns in die Arme.

Wir umarmten uns so heftig und so lange, als müssten wir uns gegenseitig beweisen, dass der andere wirklich da war. Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Wir waren sprachlos, ungläubig und vollkommen glücklich.

Sarah und Roberto beim Wiedersehen in der Herberge.

Sarah war mit zwei Freundinnen aus den USA unterwegs. Gemeinsam waren sie den Camino Portugués von Porto aus gegangen. Ohne voneinander zu wissen, ohne Verabredung und ohne irgendeinen Kontakt während unserer Reisen waren wir am selben Tag in Finisterre angekommen.

Nicht nur im selben Ort.

In derselben Herberge.

Auf derselben Etage.

In zwei Zimmern direkt nebeneinander.

Am Abend trafen wir uns zunächst am Kilometerstein 0,000. Auf dem Foto, das dort entstand, sieht man uns beiden noch immer an, wie wenig wir dieses Wiedersehen begreifen konnten. Danach gingen wir weiter zum Kap und verbrachten dort Stunden miteinander. Wir sahen zu, wie die Sonne langsam im Atlantik versank, erinnerten uns an den Camino von 2014 und erzählten uns die Geschichten unserer aktuellen Reisen.

Roberto und Sarah am Kilometerstein 0,000 in Finisterre.

Sarah berichtete von Noah und den anderen aus der damaligen Gruppe, von den Kontakten, die geblieben waren, und von denen, die im Laufe der Jahre seltener geworden waren. An alle Einzelheiten erinnere ich mich heute nicht mehr.

Sarah und ihre beiden Freundinnen am Kilometerstein in Finisterre.

Aber an das Gefühl dieses Abends erinnere ich mich sehr genau.

Fünf Jahre zuvor hatte ich Sarah an einem Ort getroffen, an dem mein erster Camino beinahe zu Ende gewesen wäre. Ihre Gruppe hatte mir geholfen, wieder aufzustehen und weiterzugehen.

Nun stand sie plötzlich wieder vor mir – am Ende eines anderen Weges. Am Ende Europas. An einem Ort, den die Menschen über Jahrhunderte hinweg für das Ende der Welt gehalten hatten.

War es Zufall? Camino-Mystik? Ein kleines Wunder?

Ich weiß es bis heute nicht.

Vielleicht muss man auch nicht für alles eine Erklärung finden. Vielleicht gibt es Begegnungen, bei denen die Wahrscheinlichkeit keine Rolle spielt. Momente, die nicht deshalb besonders sind, weil wir sie verstehen, sondern weil sie tatsächlich geschehen.

Manchmal verlieren sich Menschen auf dem Camino aus den Augen.

Und manchmal wartet einer von ihnen fünf Jahre später im Zimmer nebenan.

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