„Ich bin so froh, dich wiederzusehen“, sagte ich zu der Frau, mit der ich noch nie ein einziges Wort gesprochen hatte.

Sie sah mich irritiert an.

„Entschuldige – kennen wir uns?“

„Noch nicht.“

Es war vermutlich nicht der gewöhnlichste Beginn einer Freundschaft. Aber auf dem Camino beginnen die wichtigen Geschichten selten so, wie man es erwarten würde.

Die Unbekannte aus Roncesvalles

Zum ersten Mal sah ich Aude am Abend meiner allerersten Etappe.

Hinter mir lagen die Pyrenäen, mehr als 1.200 Höhenmeter und sieben Stunden, in denen mein Körper mir mehrfach sehr deutlich mitgeteilt hatte, was er von meinem Vorhaben hielt, achthundert Kilometer bis nach Santiago zu laufen.

In einem Restaurant in Roncesvalles saß ich mit anderen Pilgern beim Abendessen, als eine Frau das Lokal betrat. Sie trug die übliche Abendgarderobe des Camino: Wanderhose, Shirt und leichtes Schuhwerk. Suchend sah sie sich im Raum um. Für einen kurzen Moment begegneten sich unsere Blicke.

Ich hatte sofort das merkwürdige Gefühl, sie irgendwoher zu kennen.

Dabei war ich sicher, ihr noch nie zuvor begegnet zu sein.

Für einen Augenblick wollte ich die Hand heben und sie zu uns an den Tisch bitten. Doch ich zögerte. Sie fand offenbar nicht, wonach sie gesucht hatte, drehte sich wieder um und verließ das Restaurant.

Später entdeckte ich sie in der Pilgermesse erneut. Drei Reihen vor mir saß sie in der voll besetzten Klosterkapelle. Wieder wirkte etwas an ihr seltsam vertraut: ihr Gesichtsausdruck, ihre Bewegungen, die Art, wie sie ihre Hände hielt.

Ich war neugierig.

Nach der Messe verlor ich sie aus den Augen.

In den folgenden Tagen traf ich erstaunlich viele Menschen aus Roncesvalles wieder. Auf dem Camino geschieht das ständig. Menschen tauchen morgens beim Frühstück auf, überholen einen im Laufe des Tages, sitzen am Abend plötzlich im selben Restaurant oder schlafen zwei Betten weiter in der Herberge.

Nur die unbekannte Frau sah ich nicht wieder.

Irgendwann hörte ich auf, nach ihr Ausschau zu halten.

Ein Abschied in Grañón

Zehn Tage später war ich in Grañón angekommen – und körperlich ziemlich am Ende.

Unter meinen Fußballen hatten sich schmerzhafte Blutblasen gebildet. Jeder Schritt tat weh. Am Vortag war ich noch kurz davor gewesen, meinen Camino vollständig abzubrechen. Eine Gruppe amerikanischer Pilger und ein langes Gespräch mit dem Hospitalero Mike hatten mir geholfen, diese Entscheidung zu überdenken.

Ich wollte weitergehen.

Aber ich musste akzeptieren, dass es so nicht weitergehen konnte.

Die Amerikaner, mit denen ich einen bewegenden Tag und Abend verbracht hatte, wollten von nun an kürzere Etappen laufen. Ihnen standen insgesamt acht Wochen für den Camino zur Verfügung. Ich hatte deutlich weniger Zeit.

Gleichzeitig waren Anika und Seba bereits vor mir unterwegs. Die beiden hatte ich auf meiner ersten Etappe kennengelernt, und innerhalb weniger Tage war eine enge Verbindung zwischen uns entstanden. Sie hatten ebenfalls weniger Zeit als ich. Wenn ich nun mehrere Tage pausierte, würde ich sie vermutlich nicht mehr einholen.

Also fasste ich einen Entschluss, der mir damals nicht leichtfiel: Ich würde mit dem Bus nach Burgos fahren, zwei Tagesetappen auslassen und dort auf Anika und Seba warten.

Heute erscheint mir das völlig vernünftig. Damals fühlte es sich ein wenig an, als würde ich schummeln. Schließlich war ich aufgebrochen, um den Camino zu Fuß zu gehen.

Doch der Camino ist kein Wettbewerb. Und mein Körper brauchte eine Pause.

Am Morgen verabschiedete ich mich von den Amerikanern. Wir umarmten uns, tauschten Kontaktdaten aus und sie begleiteten mich bis zum Ausgang der Herberge. Noch lange sah ich ihre winkenden Hände, bevor ich an einer Kreuzung aus ihrem Blickfeld verschwand.

Ich wusste nicht, ob wir uns auf diesem Camino noch einmal begegnen würden.

Der unberechenbare Gastgeber

Der Camino ist ein unberechenbarer Gastgeber. Er bringt Menschen zusammen, trennt sie wieder, lässt sie verschwinden – und setzt sie an anderer Stelle erneut vor eine Herbergstür.

In meinem Fall brauchte er dafür zehn Tage, zwei ausgelassene Etappen und einen Bus nach Burgos.

Als ich dort ankam, folgte ich den gelben Pfeilen durch das mittelalterliche Stadttor bis zur öffentlichen Pilgerherberge. Sie war noch geschlossen. Vor dem Eingang lehnten bereits mehrere Rucksäcke an der Wand. Ihre Besitzer saßen gegenüber im Außenbereich einer Bar und warteten in der Sonne.

Als ich näher kam, fiel mir eine weibliche Silhouette auf.

Plötzlich wusste ich wieder, woher ich sie kannte.

Es war die Frau aus dem Restaurant in Roncesvalles. Die Frau aus der Pilgermesse. Die einzige Person von meinem ersten Abend, nach der ich in den vergangenen Tagen immer wieder unbewusst Ausschau gehalten hatte.

Sie saß dort, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Ich war so überrascht, dass mein Mund schneller reagierte als mein Kopf.

„Hey everybody!“, rief ich in die Runde.

Dann sah ich sie direkt an.

„Ich bin so froh, dich wiederzusehen.“

Ihre Irritation war nicht zu übersehen.

„Entschuldige – kennen wir uns?“

„Noch nicht.“

Ich erzählte ihr von Roncesvalles. Vom Restaurant, unserem kurzen Blickkontakt und davon, dass ich sie später noch einmal in der Kapelle gesehen hatte.

„Ich habe danach gefühlt jeden Menschen aus Roncesvalles wiedergetroffen“, erklärte ich. „Nur dich nicht.“

Sie begann zu lachen.

„Das stimmt nicht. Schließlich sehen wir uns ja jetzt.“

Damit hatte sie recht.

„Komm, setz dich zu uns“, sagte sie. „Mit dir wird es bestimmt unterhaltsam.“

Eine spontane Sprechstunde

Die geheimnisvolle Unbekannte hieß Aude. Sie kam aus Lausanne in der französischsprachigen Schweiz und arbeitete dort als Ärztin.

Roberto und Aude bei einer Pause.

Diesen letzten Teil ihrer Vorstellung hätte sie vermutlich besser für sich behalten sollen.

Denn kaum hatte sie von ihrem Beruf erzählt, deutete ich auf meine schmerzenden Füße.

„Könntest du vielleicht …?“

Aude lachte.

„Genau deshalb erzähle ich normalerweise niemandem, was ich beruflich mache. Ich weiß nicht, warum ich es dir verraten habe.“

Wenig später hielten wir vor der Herberge eine spontane Sprechstunde ab.

Aude untersuchte meine Füße und bestätigte, dass die Schmerzen nicht nur meiner Einbildung entsprangen. Unter der Hornhaut meiner vorderen Fußballen hatten sich Blutblasen gebildet.

„Die müssen unglaublich wehgetan haben.“

„Oh ja, das haben sie.“

Zum Glück waren sie bereits dabei abzuheilen. Nach einigen Tagen, versicherte sie mir, sollte es deutlich besser werden.

Aude selbst war seit Saint-Jean-Pied-de-Port jeden einzelnen Kilometer gelaufen. Wir waren am selben Tag gestartet, und sie hatte Burgos trotzdem bereits erreicht. Sport trieb sie nach eigener Aussage kaum. Schmerzen oder Blasen hatte sie ebenfalls nicht.

Ich betrachtete erst sie und dann meine Füße.

Der Camino war offensichtlich nicht zu allen Menschen gleichermaßen gerecht.

Sechs Stunden, die sich länger anfühlten

Bis die Herberge öffnete, unterhielten wir uns. Nachdem wir eingecheckt hatten, wählten wir zwei untere Betten in einer kleinen Vierergruppe. Bei den beiden freien Betten musste ich sofort an Anika und Seba denken.

Anschließend zogen Aude und ich gemeinsam durch Burgos. Wir besichtigten die Kathedrale, tranken Espresso und folgten dem Tipp eines Gastwirts zu einer Aussichtsplattform oberhalb der Stadt.

Der Wirt erklärte uns mit einem vielsagenden Zwinkern, dass dieser Ort bei Liebespaaren besonders beliebt sei.

Aude und ich sahen uns an und lachten.

„Wir haben uns heute erst kennengelernt“, stellte sie klar.

„Umso besser“, antwortete der Wirt.

Oben angekommen lag Burgos im goldenen Licht vor uns. Wir unterhielten uns über unsere Caminos, über die Fragen, mit denen wir aufgebrochen waren, und darüber, ob der Weg uns tatsächlich Antworten geben konnte.

Auf dem Camino verlieren Gespräche erstaunlich schnell ihre Oberflächlichkeit. Man kennt einen Menschen vielleicht erst seit einigen Stunden und erzählt ihm dennoch Dinge, über die man zu Hause selbst mit langjährigen Bekannten kaum spricht.

Vielleicht liegt es daran, dass man einander nicht über Beruf, Besitz oder gesellschaftliche Rollen begegnet. Man trifft sich als Menschen, die denselben Weg gehen und doch aus ganz unterschiedlichen Gründen unterwegs sind.

Vor weniger als sechs Stunden war Aude eine Fremde gewesen.

Nun hatte ich das Gefühl, sie schon viel länger zu kennen.

Roberto und Aude lachen in die Kamera.

Aus Begegnungen wird Gemeinschaft

Auf dem Rückweg zur Herberge vibrierte mein Handy. Seba hatte geschrieben:

„Wir ziehen heute bis Burgos durch. Wo treffen wir uns zum Abendessen?“

Ich starrte ungläubig auf die Nachricht. Anika und Seba würden an diesem Tag etwa vierzig Kilometer zurückgelegt haben.

Gleichzeitig freute ich mich riesig.

Am Morgen war ich in den Bus gestiegen, weil ich die beiden nicht verlieren wollte. Nun konnte ich ihnen auch noch Aude vorstellen.

Als Anika und Seba später das Restaurant betraten, sprang ich auf und fiel ihnen in die Arme. Der Abend wurde genauso, wie ich es mir erhofft hatte. Seba erzählte Geschichten und brachte uns zum Lachen. Anika und Aude verstanden sich auf Anhieb.

Niemand beschloss an diesem Tisch offiziell, von nun an eine Gruppe zu sein.

Es gab keine Absprache und keinen Plan.

Aber möglicherweise entstand genau dort etwas, das wir später unsere Camino-Familie nennen würden.

Auf dem Heimweg trennten sich unsere Wege zunächst wieder. Anika und Seba schliefen in einem Hotel, Aude und ich in der Pilgerherberge.

Kurz vor unserer Unterkunft entdeckten wir eine Cocktailbar.

Aude grinste.

Ich grinste zurück.

Ohne ein Wort darüber zu verlieren, gingen wir hinein. Wenig später saßen wir vor unseren ersten Mojitos auf dem Camino.

„Willst du morgen gemeinsam mit mir weitergehen?“, fragte ich sie.

„Genau das wollte ich dich auch fragen.“

Der richtige Weg

Später lagen wir im dunklen Schlafsaal. Durch die Fenster fiel nur noch schwaches Licht.

Aude richtete sich in ihrem Bett auf.

„Glaubst du an Bestimmung?“, fragte sie leise. „Dass manche Dinge im Leben vorherbestimmt sind?“

Ich dachte einen Moment nach.

„Ich weiß es nicht. Meistens glaube ich, dass vieles einfach Zufall ist. Aber dann passieren Tage wie heute.“

Vielleicht war es Zufall, dass ich Aude in Roncesvalles bemerkte.

Vielleicht war es Zufall, dass wir uns anschließend zehn Tage lang nicht begegneten.

Vielleicht war es Zufall, dass meine Füße mich zu einer Pause zwangen, ich zwei Etappen übersprang und genau an diesem Tag vor genau dieser Herberge in Burgos ankam.

Vielleicht.

Am Morgen hatte ich den Bus genommen, weil ich meine Camino-Familie nicht verlieren wollte.

Am Abend saß ich mit Anika, Seba und Aude an einem Tisch.

Ich hatte zwei Etappen ausgelassen. Aber vielleicht war ich an diesem Tag meinem eigentlichen Weg näher gekommen als auf vielen Kilometern zuvor.

Roberto und Aude vor der Kathedrale in Santiago.

Manchmal bedeutet Pilgern, unbeirrt weiterzugehen.

Und manchmal bedeutet es, den vorgesehenen Weg zu verlassen – damit man genau dort ankommt, wo jemand bereits vor einer Herberge auf einen wartet.

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