Ich war allein nach Saint-Jean-Pied-de-Port gereist. Doch schon auf meiner ersten Etappe begann ich zu verstehen, dass „allein gehen“ auf dem Camino etwas anderes bedeutet als anderswo.

Am Morgen des 17. Mai 2014 stand ich um Punkt acht Uhr am Beginn des Camino Francés. Vor mir lagen die Pyrenäen. Hinter mir eine unruhige Nacht. Und auf meinem Rücken befand sich vermutlich der halbe Hausstand.

Ein Meter einundsiebzig geballte Energie, knapp einhundert Kilogramm Lebensfreude und ein Rucksack, der aussah, als hätte ich für ein Jahr in Australien gepackt.

Vor mir kannte der Weg zunächst nur eine Richtung: nach oben.

„Na ja, hilft ja nichts“, murmelte ich und setzte den ersten Schritt meines ersten Caminos.

Auf den kommenden Kilometern waren rund 1.200 Höhenmeter zu überwinden. Die Route Napoléon führte von Saint-Jean-Pied-de-Port hinauf über die Pyrenäen und anschließend nach Roncesvalles. Landschaftlich sollte sie spektakulär sein. Körperlich war sie schon nach kurzer Zeit eine deutliche Grenzerfahrung.

Nach ungefähr vier Kilometern kämpfte ich gerade damit, meinen Rucksack in eine Position zu bringen, in der er mich vielleicht nicht vollständig zerstören würde.

Da hörte ich hinter mir eine deutsche Stimme.

„Tja, der Weg spuckt dich aus!“

Ein Pilger zog an mir vorbei und betrachtete offenbar amüsiert meine Verrenkungen.

„Aber gleichzeitig nimmt er dich in den Arm“, ergänzte er. „Und nach jeder Etappe hat er dich wieder lieb.“

An meinem gelben Reiseführer hatte er erkannt, dass ich aus einem deutschsprachigen Land kommen musste.

„Wir sind Sebastian und Anika aus Lindau. Und du?“

Wir?

Erst jetzt bemerkte ich die zierliche Frau, die hinter ihm zu uns aufschloss.

Sebastian – oder Seba, wie ihn seine Freunde nannten – war bereits seit 53 Tagen zu Fuß unterwegs. Gestartet war er in Lindau am Bodensee. Anika kannte ihn von zu Hause und hatte sich ihm am Vortag angeschlossen. Für Seba begann mit dem Camino Francés das letzte Drittel seines Weges. Für Anika und mich lag genau dieser Weg noch vollständig vor uns.

Seba und Roberto bei einer Pause.

Die beiden machten sofort einen sympathischen Eindruck. Wir standen am Straßenrand, erzählten einander, woher wir kamen und was wir vorhatten. Es waren nur wenige Minuten – und doch genügte diese kurze Begegnung, um den Berg für einen Moment weniger bedrohlich erscheinen zu lassen.

Anika bei einer Pause im Freien.

Vielleicht war es die Ablenkung. Vielleicht auch die beruhigende Vorstellung, dass ein Mann, der bereits 53 Tage zu Fuß unterwegs war, im Notfall wissen würde, was zu tun war, wenn ich gleich zusammenbrach.

Irgendwann gingen wir weiter. Jeder in seinem Tempo.

Das gehört zu den ersten Dingen, die man auf dem Camino lernt: Gemeinschaft bedeutet nicht zwangsläufig, den ganzen Tag nebeneinanderherzugehen. Man begegnet sich, verliert sich aus den Augen und trifft sich später wieder. Manchmal nach einer Stunde, manchmal am Abend – manchmal auch erst Jahre später.

Zwei Pilger gehen gemeinsam durch eine Gasse.

In Orisson traf ich Jürgen wieder, einen IT-Administrator aus Hessen. Wir hatten am Vortag im Ersatzbus von Bayonne nach Saint-Jean-Pied-de-Port nebeneinandergesessen. Nun beschlossen wir, den Weg bis zum höchsten Punkt der Etappe gemeinsam fortzusetzen.

Jürgen war ein angenehmer Begleiter. Zeitweise unterhielten wir uns angeregt über IT-Themen. Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinanderher. Vor allem, wenn der Weg steiler wurde, verstummten wir.

Es war kein unangenehmes Schweigen. Keines, das gefüllt werden musste.

Es fühlte sich an, als wären wir durch ein unsichtbares Abschleppseil miteinander verbunden. Mal zog der eine den anderen ein Stück vorwärts, dann wieder umgekehrt. Niemand sprach darüber. Es geschah einfach.

Nach mehreren Stunden erreichten wir den höchsten Punkt der Etappe auf 1.402 Metern. Ich war erschöpft – und gleichzeitig stolz wie selten zuvor.

Ich hatte es aus eigener Kraft hinaufgeschafft.

An der Rolandsquelle machten wir Rast. Rund um das klare Wasser saßen kleine Gruppen von Pilgern auf der Wiese, füllten ihre Flaschen auf, teilten Proviant und erzählten miteinander. Ich kam mit einem älteren Ehepaar aus Boston ins Gespräch. Die beiden hatten schon lange davon geträumt, den Jakobsweg zu gehen. Nun waren sie tatsächlich hier.

Für ein paar Minuten erzählten sie mir von ihrem Traum. Ich erzählte ein wenig von meinem. Dann verabschiedeten wir uns.

Wir kannten nicht einmal unsere Nachnamen.

Auf dem Camino reicht das häufig.

Jürgen wollte früher weitergehen. Ich brauchte noch eine längere Pause. Also trennten wir uns wieder – ohne die Erwartung, dass einer auf den anderen warten müsse. Auch das war Gemeinschaft: miteinander gehen zu können, ohne einander festzuhalten.

Wenig später erreichte ich den Grenzstein zwischen Frankreich und Spanien.

„Bienvenido a España!“, rief ich laut und hieß mich selbst in Spanien willkommen.

Ein Pilgerpaar, das unbemerkt hinter mir lief, fing an zu lachen.

Ich lachte mit.

Auch sie blieben Fremde. Aber für diesen einen Augenblick teilten wir dieselbe kleine Szene.

Danach wurde der Weg brutal. Auf einen weiteren Anstieg folgte ein so steiler Abstieg, dass meine Oberschenkel rebellierten. Der Rucksack schob mich bei jedem Schritt von hinten den Berg hinunter. Immer wieder rutschte ich weg und stützte mich auf meinen Wanderstab.

Alles in mir verlangte nach dem Ende dieser Etappe.

Nach sieben Stunden erreichte ich endlich die Lichtung oberhalb von Roncesvalles. Vor mir lag das mächtige Klostergebäude mit der Pilgerherberge. Nur noch wenige Hundert Meter trennten mich von meinem Bett.

Und ungefähr 25 Stufen.

Diese Stufen erschienen mir in diesem Moment anspruchsvoller als die gesamten Pyrenäen.

Während ich meine letzten Energiereserven mobilisierte, kam mir eine junge asiatische Pilgerin entgegen. Sie war bereits geduscht und sah entsprechend erholt aus. Als sie mich entdeckte, begann sie sanft in die Hände zu klatschen.

„Almost done! Almost done!“

Ich versuchte zurückzulächeln.

Sie wusste nicht, wer ich war. Sie wusste nicht, woher ich kam oder weshalb ich diesen Weg ging. Aber sie erkannte sofort, was ich gerade brauchte: kein langes Gespräch, keine klugen Ratschläge – nur die Bestätigung, dass ich es beinahe geschafft hatte.

Im Eingangsbereich empfing mich ein niederländischer Hospitalero mit einem auffällig breiten Grinsen. Er drückte mir ein Glas Wasser in die Hand und setzte mich auf eine Bank. Dann nahm er neben mir Platz und beobachtete weiterhin lächelnd, ob ich mich erholte oder endgültig zusammenbrach.

„Das ist wohl die Sitzbank der Wahrheit“, brachte ich irgendwann hervor.

Er lachte.

Am Abend saß ich mit Teresa, die ich bereits aus einer Facebook-Gruppe kannte, in einem Restaurant neben der Herberge. Ein irischer Pilger und sein 17-jähriger Sohn leisteten uns Gesellschaft. Bei gegrilltem Hühnchen, Pommes und Wein erzählten wir von unserem Tag.

Unsere Geschichten ähnelten einander. Und doch hatte jeder denselben Berg anders erlebt.

Was unsere Unterhaltung prägte, war vor allem Verständnis. Niemand musste ausführlich erklären, wie anstrengend der Tag gewesen war. Wir hatten alle dieselben Höhenmeter überwunden, gegen unsere Rucksäcke gekämpft und irgendwann an uns gezweifelt.

Der Camino schien gesellschaftliche Unterschiede auf eine erstaunlich einfache Weise aufzulösen. Wir saßen in Wanderhosen und leichten Sandalen am Tisch, unsere Wäsche drehte sich irgendwo in einer Maschine und unsere Beine waren kaum noch dazu bereit, uns wieder aufstehen zu lassen.

Berufe, Titel und Status spielten keine Rolle.

Heute waren wir einfach Pilger.

Später fand in der Klosterkapelle die Pilgermesse statt. Nahezu jeder Platz war besetzt. Hunderte Menschen, die noch am Morgen allein oder in kleinen Gruppen über die Pyrenäen gegangen waren, saßen nun gemeinsam unter dem gotischen Gewölbe.

Der Pilgersegen wurde in zahlreichen Sprachen gesprochen: Englisch, Deutsch, Italienisch, Französisch, Portugiesisch, Finnisch, Schwedisch, Russisch, Chinesisch, Koreanisch und vielen weiteren.

Ich verstand nicht jedes Wort.

Aber ich verstand, was dort geschah.

Aus Menschen, die sich am Morgen noch nie gesehen hatten, war für einen Abend eine Gemeinschaft geworden. Nicht, weil wir alle dasselbe glaubten. Nicht, weil wir aus demselben Land kamen oder dieselbe Sprache sprachen.

Sondern weil wir unterwegs waren.

Weil wir denselben Berg überquert hatten.

Weil jeder von uns wusste, wie es sich anfühlte, wenn der Weg einen ausspuckte – und danach wieder in den Arm nahm.

Als ich später erschöpft in meinem Bett lag, dachte ich an all die Menschen dieses ersten Tages: an Seba und Anika, an Jürgen, das Ehepaar aus Boston, die lachenden Pilger an der Grenze, die junge Frau auf den letzten Stufen, den grinsenden Hospitalero, Teresa, den irischen Vater und seinen Sohn.

Roberto und Anika an einem Tisch im Garten.

Manche von ihnen würde ich wiedersehen. Andere nie mehr.

Einige kannte ich für Stunden, andere nur für einen Satz oder ein Lächeln.

Und doch hatte jeder von ihnen einen kleinen Teil dieser ersten Etappe mitgetragen.

Drei Pilger mit Rucksäcken vor einer Herberge.

Ich war am Morgen allein aufgebrochen.

Aber schon am Abend wusste ich:

Auf dem Camino bleibt man nur so lange ein Fremder, bis jemand den ersten Satz sagt.

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