Ich war noch keinen einzigen Kilometer auf dem Jakobsweg gegangen, als mir eine niederländische Pilgerin erklärte, was in den kommenden fünf Wochen mit mir geschehen würde.

Ich hielt ihre Worte für faszinierend.

Und für ziemlich esoterisch.

Es war der 16. Mai 2014, der Abend vor meinem ersten Pilgertag. Hinter mir lag eine lange Reise: von zu Hause über Karlsruhe und Paris bis nach Saint-Jean-Pied-de-Port, dem französischen Ausgangspunkt des Camino Francés.

Am Morgen hatte ich mich nach einer viel zu kurzen Nacht von meiner Frau verabschiedet. Meine beiden Söhne schliefen noch, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Der Trennungsschmerz traf mich stärker, als ich erwartet hatte. Gleichzeitig war da diese Vorfreude auf etwas, dessen Ausmaß ich selbst noch nicht begriffen hatte.

Fünf Wochen.

Achthundert Kilometer.

Allein zu Fuß durch Nordspanien.

Noch in der S-Bahn fragte ich mich, ob ich sie eigentlich noch alle hatte.

Während die Menschen um mich herum zur Arbeit fuhren, begann für mich eine Reise, die ich seit Monaten vorbereitet hatte und über die ich dennoch fast nichts wusste. Würde ich körperlich durchhalten? Wie würden meine Kinder mit meiner Abwesenheit umgehen? War es richtig, mich für so lange aus dem Familienleben herauszunehmen? Und was genau hoffte ich dort draußen überhaupt zu finden?

Mitten in diesem Gedankenchaos hielt neben der S-Bahn an einer Ampel ein Fahrzeug der Johanniter. Auf seiner Tür stand in großen Buchstaben:

MUT TUT GUT!

Ich musste schmunzeln.

„Zweifle nicht so viel“, sagte ich leise zu mir selbst.

Am Abend erreichte ich Saint-Jean-Pied-de-Port mit vierzig Minuten Verspätung. Weil der letzte Streckenabschnitt bestreikt wurde, hatte ein Ersatzbus die Reisenden übernommen. Vom Haltepunkt aus legte ich die letzten anderthalb Kilometer zur Herberge beinahe im Laufschritt zurück – mit meinem vollgepackten Rucksack auf dem Rücken und der Sorge, eine ganze Gruppe hungriger Pilger würde nur wegen mir auf ihr Abendessen warten.

Genau so war es.

Als ich hektisch durch die offene Tür des Beilari stolperte, wurde mir der Rucksack abgenommen und ich praktisch direkt in die Gemeinschaft aufgenommen. Niemand reagierte genervt. Niemand ließ mich spüren, dass ich zu spät war. Stattdessen saß ich wenige Augenblicke später mit Pilgern aus verschiedenen Ländern an einem großen Tisch.

Eingang der Herberge Beilari.

Wir aßen, erzählten und tranken Landwein. Mit jedem Glas wurde mein Englisch besser – zumindest in meiner eigenen Wahrnehmung.

Ich war noch nicht losgelaufen und hatte trotzdem zum ersten Mal das Gefühl, auf dem Camino angekommen zu sein.

Später am Abend saß ich mit Monique auf den Stufen vor der Herberge. Sie kam aus den Niederlanden, war Anfang sechzig und sprach nahezu perfektes Deutsch. Bei einem Glas Rotwein rauchten wir eine Zigarette und blickten hinunter in die Gassen von Saint-Jean-Pied-de-Port.

Monique hatte etwas an sich, das mich sofort neugierig machte. Ihre Haut war sonnengebräunt, ihre grauen Haare hatte sie locker hochgesteckt. Einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Ihre Augen wirkten wach und beinahe jugendlich.

Roberto und Monique.

„Gehst du den Camino zum ersten Mal?“, fragte sie mich.

„Ja. Und du?“

„Zum zweiten Mal. Ich möchte herausfinden, ob es wieder genauso ist.“

„Ob was wieder genauso ist?“

Sie nahm einen Schluck Wein, ehe sie antwortete.

„Der Camino besteht aus drei Abschnitten: Geburt, Tod und Wiedergeburt.“

Sie sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre dieses Wissen zur Grundausstattung jedes Pilgers. Offenbar hatte nur ich beim entsprechenden Einführungskurs gefehlt.

„Geburt, Tod und Wiedergeburt?“

Monique nickte.

Der Anfang des Weges, erklärte sie mir, sei die Geburt. Man trete gewissermaßen in ein neues Leben ein und müsse sich darin erst zurechtfinden: in der Gemeinschaft, in der Freude und in der besonderen Harmonie des Weges – aber ebenso in den Schmerzen, den Strapazen und der täglichen Last des Rucksacks.

Danach komme der Tod.

Ich muss sie ziemlich irritiert angesehen haben.

„Natürlich nur im übertragenen Sinn“, ergänzte sie.

Auf diesem Abschnitt, sagte sie, könne ein Teil des bisherigen Ichs sterben. Man setze sich so intensiv mit sich selbst auseinander, dass plötzlich alles infrage stehe. Überzeugungen könnten sich verändern. Beziehungen könnten neu bewertet werden. Probleme, die zuvor unlösbar erschienen, könnten ihre Macht verlieren.

Und schließlich komme die Wiedergeburt.

Wer Santiago erreiche, komme dort nicht als derselbe Mensch an, der Wochen zuvor aufgebrochen sei.

Dann sagte Monique einen Satz, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist:

„Unabhängig davon, warum du glaubst, hier zu sein – der wahre Grund für deinen Weg wird sich dir erst unterwegs zeigen.“

Ich saß mit meinem Rotwein auf den Stufen und sah sie wahrscheinlich mit offenem Mund an. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte.

Monique lächelte.

„Denk nicht so viel nach. Genieße die Reise und sei offen für alles. Dann wirst du schon sehen.“

Danach gingen wir hinein. Schließlich wollten wir unsere erste Nacht auf dem Camino nicht vor der verschlossenen Herbergstür verbringen.

Im Schlafsaal lagen acht Menschen in acht Betten. Durch das geöffnete Fenster hörte ich den Wind und draußen irgendwo die Grillen. Um mich herum wurden die Atemzüge der anderen Pilger langsam ruhiger.

Nur ich lag wach.

Geburt, Tod und Wiedergeburt.

Das klang nach einem uralten Mythos – und ganz schön esoterisch. So war ich überhaupt nicht. Ich wollte wandern, Abstand gewinnen und vielleicht ein wenig mehr über mich selbst erfahren. Aber musste dabei gleich ein Teil von mir sterben?

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, ob ich die erste Etappe über die Pyrenäen schaffen würde.

Und doch ließen mich Moniques Worte nicht los.

Vielleicht, dachte ich, war der Camino tatsächlich mehr als eine Strecke von achthundert Kilometern. Vielleicht gingen die Menschen nicht nur nach Santiago, sondern jeder zugleich auf ein Ziel zu, das auf keiner Karte verzeichnet war.

Am nächsten Morgen würde ich meinen ersten Schritt machen.

Ob Monique recht behalten sollte, konnte ich damals noch nicht wissen.

Heute weiß ich: Sie hatte mir am Abend vor meinem Aufbruch nicht erklärt, wie der Camino funktioniert.

Sie hatte mir erklärt, was er mit einem Menschen machen kann.

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